Interview: Recovery Cat im Behandlungsalltag

Wir haben Dr. Kaminski gebeten, seine Erfahrungen bei der Entwicklung und Umsetzung von Recovery Cat als Ausgründung der Charité - Universitätsmedizin Berlin zu teilen. Im Interview erzählt Dr. Kaminski, wie das Medizinprodukt Recovery Cat Medical die Arbeit mit Patient:innen prägt und wie das Werkzeug eingesetzt werden kann:
Welches Problem löst Recovery Cat Medical?
Mit Recovery Cat Medical können Patient:innen wichtige Daten zwischen den Sitzungen erfassen. Dabei geht es oft um mehrere Wochen.
In Folgeterminen verlässt man sich dann weitestgehend darauf, wie Patient:innen die letzten Wochen erinnern, und Behandlungsentscheidungen werden dann auch darauf getroffen.
Diese Aufgabe, die an sich schon eine Herausforderung ist, wird durch den Recall Bias verstärkt. Fragt man, wie sich das Gegenüber in den letzten Wochen gefühlt hat, verzerrt die aktuelle Stimmung oft die Antworten. So bleibt die Zeit zwischen den Terminen oft eine Black Box.
Mit Recovery Cat Medical haben Patient:innen eine weitere Möglichkeit, von sich selbst zu berichten, mit Fokus auf die Themen, die wirklich relevant für die gemeinsame Arbeit sind.
Wie wird Recovery Cat Medical konkret im Behandlungsalltag eingesetzt?
Frühwarnzeichen und das Verhindern von erneuten Krisen sind zentrale Themen für die teils stark belasteten Patient:innen.
In der Regel startet man mit einer oder zwei Kernfragen zu Themen wie Schlafqualität oder allgemeinem Befinden, die für das Störungsbild relevant sind. Frühwarnzeichen sind jedoch sehr individuell. Im Dialog kann man dann Vorschläge machen für Fragen (z.B. "Ich ziehe mich sozial zurück" oder "Ich habe vermehrt Gedankenkreisen"), aber die Patient:innen entscheiden, ob das für sie passt. Wenn ein Patient sagt: "Bei mir fängt es immer damit an, dass ich meine Wohnung nicht mehr aufräume", dann wird das als wichtiger Punkt von den Behandelnden mit aufgenommen.
Nur auf Frühwarnzeichen zu schauen, ist allerdings auch demotivierend. Hier haben wir in der Entwicklung auch zusammen mit Patient:innen und Kliniker:innen gemeinsam herausgearbeitet, dass es immer auch wichtig ist Ressourcen und positive Aspekte zu berücksichtigen. Bspw. "Was hat mir heute Kraft gegeben?" ist genauso wichtig wie die Frage nach Symptomen oder Nebenwirkungen.
Wie viel Zeit nimmt Recovery Cat in Patient:innengesprächen ein?
Recovery Cat ist kein "Ersatz" für das Gespräch, sondern eine Stütze beim Einstieg.
Statt 15 Minuten damit zu verbringen, mühsam zu rekonstruieren, wie die letzten Wochen waren, kann man 2 Minuten auf das Dashboard schauen und dann sofort in die Tiefe gehen, bspw. so: "Ich sehe, seit letzter Woche gab es eine Veränderung, was war da los?" Das macht die gemeinsame Zeit sehr viel wertvoller. Es ist auch eine Demokratisierung der Therapie, Behandler und Patienten schauen beide auf die gleichen Daten und begegnen uns auf Augenhöhe.
Wie bettet sich Recovery Cat Medical in den Behandlungsverlauf ein?
Es empfiehlt sich Recovery Cat oft frühzeitig, sobald eine tragfähige Arbeitsbeziehung besteht, einzusetzen. Es hilft enorm bei der Psychoedukation: Die Patient:innen lernen durch die regelmäßige Nutzung selbst, ihre Erkrankung besser zu verstehen und Ihre Ressourcen zu nutzen.
Oft macht sich bereits nach 2 bis 4 Wochen ein Unterschied bemerkbar. Wenn im Gespräch das erste Mal gemeinsam auf die Datenauswertung geschaut wird und beispielsweise erkannt wird, wie Schlafmangel und erhöhter Antrieb zusammen auftreten. Das klar als Risikofaktor für eine hypomane Phase benennen zu können, basierend auf selbstberichteten Daten, dann ist das ein riesiger Aha-Moment für Patient:innen und auch für Behandler:innen.
Wir haben mittlerweile Patient:innen, die das Tool seit mehreren Jahren nutzen. Es gibt Sicherheit, besonders in stabilen Phasen, um nicht den Blick für schleichende Veränderungen zu verlieren und Krisen abzufedern.
Sie wollten zunächst gar kein Startup gründen. Was hat Sie motiviert, vom passiven Teilnehmer zum aktiven Mitgestalter der digitalen Transformation des deutschen Gesundheitswesens zu werden?
Ich habe zunächst in der Grundlagenforschung am Max-Planck-Institut in Leipzig begonnen. Später bin ich zur Charité nach Berlin gewechselt, um klinisch ausgerichtete Forschung zu machen. Seit der Facharztausbildung fokussiere ich mich auf Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, unter anderem psychotische Störungen und affektive Erkrankungen (Depression, bipolar affektive Störungen und Schizophrenie).
Als ich dieses beschriebene Black Box Problem im Alltag erlebt habe, wollte ich nicht auf eine Lösung warten, sondern meine Idee selbst in den Klinikalltag bringen. Seitdem engagiere ich mich stark in der digitalen Transformation der Versorgung.
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